Badische Zeitung 09.03.2015


Gruppensex im All mit Maulwurfjäger

Abgedreht, irrwitzig, abstrus – und höchst unterhaltsam:
"Impronauten" boten in Weitenau Improtheater vom Feinsten.

Ausgeprägte Gestik und Mimik, Spontanität und Schlagfertigkeit, munter mäandernde Gedankenflüsse und eine ordentliche Portion Hemmungslosigkeit – all das benötigt ein Impro-Theaterschauspieler. Foto: Anja Bertsch
Ausgeprägte Gestik und Mimik, Spontanität und Schlagfertigkeit, munter mäandernde Gedankenflüsse und eine ordentliche Portion Hemmungslosigkeit – all das benötigt ein Impro-Theaterschauspieler. Foto: Anja Bertsch

STEINEN-WEITENAU. Eine geifernde Hasstirade mit Schaum vorm Mund (Aufregerthema: Angelschein) geht über in swingenden Oldtime-Jazz mit Gesten-Kontrabass und Lautlos-Schlagzeug (musikalisches Thema: Angelschein), um schließlich in einer Breakdance-Einlage mit zuckenden Leibern zu münden – Schnitt, Ende, Applaus: Völlig abgedreht und irrwitzig, absolut abstrus und unglaublich unterhaltsam präsentierte sich die Improvisations-Truppe "Impronauten" auf Einladung des Gesangvereins Harmonie in der ausverkauften Halle in Weitenau.

Ob mutierte Küken im Chemielabor ("Der Eiertanz"), ein via Telefonberatung gelöstes Eheproblem (Auslöser war das altbekannte Problem des nackten Mulls im Schlafzimmer) oder Gruppensex im All mit einem depressiven Maulwurfjäger: Beim faszinierenden Spontanauftritt des Basler Improensembles entwickelten sich im Laufe des Abends schier unglaubliche Szenen – aus dem Nichts, aus dem Stegreif.

Auf der Bühne: "Team Schwarzwald" mit Guido Chudoba und Wolfgang Dold, angetreten im Spontanduell gegen das "Team Schweiz" aus Barbara Wenger und Adrian Moor. Und diese Vier tanzen, singen, reimen und phantasieren sich für über zwei Stunden von den Untiefen stromfressender Stricklieseln über Dramoletten Shakespeares’schen Ausmaßes bis hin zu herzerweichenden Liebesschwüren über der Angelrute. Vermeintlich völlig wahl- und zusammenhanglose Begriffe und Stichworte fügen sich im Spiel zu völlig irrwitzigen Geschichten. Um da als Schauspieler mitzutun, ist einiges an Rüstzeug hilfreich: Ausgeprägte Gestik und Mimik, Spontanität und Schlagfertigkeit, munter mäandernde Gedankenflüsse und eine ordentliche Portion Hemmungslosigkeit.

Die Zuschauer werden bei einer Improtheateraufführung zum Mitmachpublikum: Sie zählen lautstark die Szenen ein und vergeben als gnadenlose Jury regelmäßig die Höchst- und manchmal die Allerhöchstpunktzahl. Zuweilen liefern sie die Requisiten (von wem bitte stammte die Lochzange, und wer hatte zum Theaterabend das Nudelholz dabei?). Vor allem aber ist das Publikum als Stichwortgeber gefragt: Es liefert per Zuruf die Themen und Orte, Hobbys, Filmgenres und Musikstile, um die sich die nächste Impro-Szene jeweils spinnen soll.

Auch wichtig: Der Moderator, der bei der wilden Schauspielerei – soweit eben möglich – die Regie führt. Bei den Impronauten gibt Andreas Schurig die "Spiele" vor und hat damit in der Hand, in welchem Modus die Akteure in der nächsten Szene improvisieren: Reimend, stabreimend, als drei Gesichter einer gespaltenen Persönlichkeit oder als vier verschiedene Radiosender? Der Moderator fordert vom Publikum die Stichworte ein und wählt die originellsten aus, er läutet den Szenenwechsel ein, wirft die Schauspieler mit spontanen Zusatz-Kommandos vom kalten Wasser ins noch kältere. Den Jammer des Restaurantbesitzers über den verlorenen Michelin-Stern will der Herr Schurig nun also als weltschmerzend-vergrämte Bluesnummer hören, die Häme des Restauranttesters als "ziemlich gemeines Lied" und das Hoch auf die Tofu-Froschschenkel bitte schön als moralinsaure Predigt!

Trotz Gleichstand gab es einen Sieger: das Publikum


Die Impro-Formate sind vielfältig: Beim Alliterationsspiel etwa fängt alles mit dem selben Buchstaben an – und so pürieren die Partner in der P/Bäckerei also permanent Parmesan-, Pasteten- und Petersilienpackungen – passt! In einer anderen Szenerie bekommen die Schauspieler vom Publikum jeweils einen "wirklich archaischen Gefühlszustand" verpasst und werden vom Moderator hernach zu einer einzigen Person mit gespaltener Persönlichkeit erklärt. Und so wankt auf der Bühne nun also ein suizidgefährdeter, miesepetriger Draufgänger umher, der den nervtötenden Maulwürfen im Garten (auch dieses Problem ward direkt aus dem Publikum gegriffen) mit Dynamitstangen zu Leibe rückt.

Einen unschätzbaren Beitrag zur Gesamtkomposition liefert Impro-Musiker Christian Riesen, der am Keyboard jedem noch so unmelodiösen Stichwort die passende Musik- und Geräuschkulisse verpasst und blitzschnell von einer Stimmungslage ins nächste Genre wechselt: Riesen unterspült die Liebesschmach à la Rosamunde Pilcher im englischen Conthbratomth mit lieblichen Klängen, setzt im Krimi um den Frauenbegatter-Bestatter die richtigen Akzente, intoniert den Eiertanz für die verstorbene Mutter und meistert schließlich auch die vom Publikum in der Zugabe gewünschte Heavy-Metal-Einlage über Sponge Bob.

Am Ende herrscht im Spontan-Wettkampf zwischen den beiden Teams Gleichstand – absoluter Sieger ist das begeisterte Publikum.


"absoluter Sieger ist das Publikum"

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