Badische Zeitung 08.04.2019


Müssen muss nix, können kann alles

Im Dialog mit den Gästen entwickeln sich urkomische und manchmal haarsträubende Szenen. Foto: Anja Bertsch
Im Dialog mit den Gästen entwickeln sich urkomische und manchmal haarsträubende Szenen. Foto: Anja Bertsch

STEINEN-WEITENAU. Immer mal wieder holt der Weitenauer Gesangverein "Harmonie" um seine Vorsitzende Christa Schmieder-Wenzel ein Improtheater auf die Bühne der Weitenauer Festhalle. Auch bei der mittlerweile sechsten Auflage am Samstag ging es in Sachen skurriler Stegreif-Szenen und absurder Ad-hoc-Aktionen Schlag auf Schlag – zum zwerchfellerschütternden Vergnügen der Zuschauer im randvoll besetzen Saal.

 

Die Impro-Idee
Müssen muss nix, können kann alles: Kernelement des Impro-Theaters ist eben das: Es wird improvisiert. Über welche Themen und in welchem Genre, ob gereimt, gesungen oder allein mit Gesten: Das alles ergibt sich erst direkt auf der Bühne, aus dem Moment und der schlagfertigen Spielfreude der fünf Bühnenakteure heraus. Irrwitzig galoppierende Szenenwechsel, unerwartete Stimmungsumschwünge, und absurde Wortschwülste sind da in jedem Moment möglich und erwünscht.

Die Akteure
Den schauspielerischen Wahnwitz auf die Bühne bringen die „Impronauten“ und die „Dramenwahl“: Theoretisch sind Johanna Löffel, Andreas Schurig, Guido Chudoba, Claudia Schurig und der Pianist
Marcel Waldburger zwei verschiedene Teams. Praktisch sind sie durch schauspielernde „Doppelagenten“ und gemeinsame Aufritte eng miteinander verbunden. Und über Guido Chudoba wiederum mit dem Gesangverein Weitenau.
Improtheater ist eine urdemokratische Angelegenheit: Es sind Ideen, Stichworte, und Wünsche aus dem Publikum, die den Szenen per Zuruf die Themen, die Gegenstände, das Genre oder den Musikstil vorgeben, über die die Akteure dann ihre Theaterimprovisation kreieren.
„Was wir damit anfangen, ist unser Problem“, bringt Andreas Schurig als schauspielernder Moderator diese ungleiche Ausgangsposition auf den Punkt. Das Publikum in Weitenau ist höchst engagiert bei der Sache, die Ideen sprudeln nur so auf die Bühne.

Der Wettkampf
Eigentlich sollten die beiden Teams im schauspielernden Wettkampf um die skurillst-unterhaltsamsten Szenen gegeneinander antreten. Das Publikum aber votiert für die „totale Harmonieshow“ (Anderas Schurig), so dass die Schauspieler zusammenspannen. Ein wenig Wettkampf gibt’s trotzdem: Per Beifalls- und Jubel-Monitoring werden unter den guten Publikumsideen die besten ausgewählt: Das imaginäre Expertengespräch lieber zum Thema Brustvergrößerung oder Vertikutieren? (Vertikutieren natürlich!) Als Musikgenre für den Stegreif Song lieber den Gospel oder den Schlager? (Gospel! Und Arie!) Das Drama zum Thema Pubertät im Stile Shakespeares oder Rosamunde Pilchers? (Goethe soll es sein!) Und als Thema für dieses Drama lieber den Drogendeal oder die Pubertät (wie gesagt: die Pubertät).

Die skurrilsten Momente
Wird Stoff solcher Art von den Bühnen Akteuren in waghalsigen Theater- und Sangesmanövern zusammengebracht,
entstehen wahrlich haarsträubende Szenen und Geschichten. Der Krimi vom „Eitel-spießigen Gerichtsvollzieher“, der überm Banküberfall in eine rührende Liebesszene abgleitet zum Beispiel. Der „Drogen-Jodel“, der zwei Joints später nochmal um Längen besser fährt, oder ein
tiefschürfend-sinnfreies Fachgespräch über das Vertikutieren in seinen globalen Erscheinungsformen – aufs köstlichste simultan-übersetzt in ausdrucksstarke Gebärdensprache. An anderer Stelle fordert der Theater-Pöbel in bester Dreigroschenoper-Manier die Befreiung des Volkes von der Plackerei der Pickel (einmal mehr das Thema Pubertät; diesmal im Bertolt-Brecht-Style). Sätze die bleiben: „Lasst mich gelöscht sein am Ende des Abends“ (zum Thema Pubertät, abgehan-
delt auf Goethisch). Und merke: „Die Kraft liegt in der Tiefe des Gartens“ (das Vertikutier-Fachgespräch; Beitrag des Dalai Lama, als Experte live zugeschaltet). Und schließlich wird das D-O-R-F-F-E-S-T zum Stichwortgeber eines Theaterstückes, dessen Sätze mit eben diesen, und nur diesen Buchstaben anfangen – in Reihe natürlich.

Lokalkolorit
Überhaupt das Dorf: Die Basisdemokratie bringt’s mit sich, dass die Zurufe oft einen starken Bezug zum Ort des Geschehens haben. Und so kommt es, dass die Akteure einen buchstäblich tiefen Einblick in die medizinische Disziplin der „Kuhstall-Urologie“ gewähren, dass der sagenhafte Weitenauer Auerochse beim Vertikutieren hilft, und dass Schillers Glocke (als Gaststar im Goethschen Pubertätsdrama) an diesem Abend endlich ihren angestammten Platz im hiesigen Rathaus einnehmen kann.