Pronto Pro Blog 26. Juni 2020



Ohne Plan auf der Bühne stehen

VERÖFFENTLICHT  VON VERENA ARNOLD

Die Impronauten sind eine Gruppe von zehn Schauspielerinnen und Schauspielern, die sich dem improvisierten Theater verschrieben haben. Die Truppe zählt zu den alteingesessenen Impro-Theatergruppen des Landes. Die Szene in der Schweiz war lange recht überschaubar, seit Jahren ist sie aber stetig am wachsen. Im Mai feierten die Impronauten ihr 17-jähriges Bestehen. Entstanden und herangewachsen ist die Gruppe in Basel, inzwischen aber aktiv auf Kleinkunstbühnen in der ganzen Schweiz. Doch was bedeutet das überhaupt: Improvisationstheater?

Improvisationstheater heisst: Geschichten entstehen aus dem Nichts, Theater aus dem Stegreif. Der Begriff Improvisationstheater bezieht sich auf die Arbeit von Keith Johnstone, einem Schauspiellehrer, der in den 1960er Jahren in England die ersten Grundsätze zu diesem Thema formuliert hatte. Er versuchte mit der spielerischen Improvisation dem grossen Thema der Angst unter Schauspielern entgegenzuwirken. Johnstone zog in den 70er-Jahren nach Kanada und gründete in Calgary das Loose Moose Theater, dessen Shows die Form populär machten. Von Johnstone stammt auch das Format Theatersport, in dessen Rahmen sich zwei Mannschaften gegenseitig herausfordern und das Publikum Punkte vergibt. Dies ist eine der beliebtesten Formen des Improtheaters und wird von den Gruppen gern gepflegt.

Improvisieren bedeutet also: Kein Text, keine feste Rolle, kein vorgegebener Ablauf, keine abgesprochenen Handlungen. Wie man sich dabei auf der Bühne fühlt, erzählt Barbara Deubelbeiss.

Unsere Interviewpartnerin Barbara Deubelbeiss ist Ensemblemitglied bei den Impronauten und Kursleiterin für Improvisationstheater
Unsere Interviewpartnerin Barbara Deubelbeiss ist Ensemblemitglied bei den Impronauten und Kursleiterin für Improvisationstheater

Wann bist du zum ersten Mal mit dem Improvisationstheater in Berührung gekommen? Warum hat es dich von Anfang an fasziniert?

Vor rund 15 Jahren las ich in der Zeitung eine Ankündigung für Theatersport. Das hat mich sofort interessiert. Theater und Wettkampf? Wie soll das gehen? Selbstverständlich ging ich hin und sah damals zum ersten Mal die Impronauten. Der Theatersportmatch gegen die Mauerbrecher war für mich völliges Neuland. Ich kannte weder die Regeln des Spiels noch die Regeln für das Publikum. Der erste Impro-Theaterabend haut die meisten von den Socken. Diese reine Freude am Spiel, das vergnügte Zusammenarbeiten auf der Bühne, dabei zu sein, wenn etwas ganz neu und unerwartet entsteht – einfach der Hammer! Verblüfft und fasziniert und Tränen lachend sass ich da und dachte sofort: Das will ich auch ausprobieren!

 

Wie kann ein Auftritt eures Improvisationstheaters ablaufen? Welche besondere Rolle kommt dem Publikum zu?

Die beliebteste Form von Improvisationstheater ist nach wie vor das Match. Wir laden oft befreundete Gruppen aus Deutschland oder der Schweiz ein. Manchmal spielen wir aber auch einfach «wir gegen uns».

An einem Match werden viele kurze Szenen und Geschichten gespielt, die etwa so um die fünf Minuten lang sind. Oft nutzen wir dabei bestimmte Regelsätze, zum Beispiel das ABC-Spiel. In dieser Form beginnt der erste Satz der Szene mit einem A, die Antwort darauf mit einem B, der nächste Satz mit einem C – und so weiter. Das Publikum hat viel Spass dabei, die Einhaltung der Regeln zu überprüfen und bei Hängern auch mal den richtigen Buchstaben einzuflüstern.

Ein Moderator sagt die Spiele an und holt dann aus dem Publikum Vorschläge und Inspirationen, die den Inhalt der Szene bestimmen. Das kann so einfach sein wie «Wo befinden sich die drei gerade?» oder vielleicht «Diese Figur hat ein düsteres Geheimnis. Welches?» Das Publikum füttert also die Szene und die Fantasie der Spielenden und bestimmt wesentlich mit, in welche Richtung so ein Abend gehen kann. Und natürlich müssen Punkte vergeben werden – auch das ist die Aufgabe unserer Zuschauerinnen und Zuschauer.

 

Welche Utensilien setzt du besonders gern bei Auftritten ein? Warum hast du Gefallen daran gefunden?

Wir arbeiten grundsätzlich mit einer leeren Bühne. Ausser einem Pianisten und einigen Stühlen gibt es da keine Utensilien. Allerdings machen wir oft ein Aufwärmspiel, bei dem ein Gegenstand aus dem Publikum geholt wird, und dann als Ding in kurzen Miniszenen eingesetzt wird. Dieses Spiel macht uns viel Spass, weil wir nie wissen, was unsere Zuschauer für verrückte Sachen anschleppen.

Auch die Musiker setzen wir gerne und oft ein. Wir haben das Glück, mit sehr professionellen Pianisten arbeiten zu dürfen. Zusammen mit ihnen ein Lied aus dem Stegreif entstehen zu lassen, gehört zu unseren absoluten Lieblingsaufgaben auf der Bühne.

 

Warum sind eure Impro-Kurse einen Besuch wert? Wie kann man dadurch mentale Barrieren in Bezug auf das Theater durchbrechen?

Improtheater ist eine Kunstform, die nur live funktioniert. Der Zauber liegt nicht in perfekt durchdachten Dialogen und tiefen menschlichen Dilemmata, sondern darin, dass alles hier und jetzt passiert. Als Zuschauer wie als Schauspielerin bin ich bei der Geburtsstunde einer Szene dabei, und das ist anregend und bereichernd zugleich – ganz egal ob die Geburtsstunde auch eine Sternstunde ist.

In unseren Kursen vermitteln wir ein paar hilfreiche Techniken, aber das wichtigste ist, dass die Teilnehmenden Erfahrungen machen mit diesem gigantischen Möglichkeitsraum auf der Bühne. Eine leere Improbühne kann alles sein: ein edles Restaurant, ein Stück kalter Weltraum, das Innere einer Peperoni. Im Spiel gestalten wir die Welt und im engen Zusammenspiel mit unseren Partnern entsteht etwas, was ich alleine so nicht geplant hätte, eine Geschichte, die mich selbst überrascht.

Damit das klappt, arbeiten wir an verschiedenen Dingen, wie positive Zusammenarbeit, Vertrauen in die eigene Idee und in die der Mitspielenden, Mut sich zu exponieren, wache Präsenz, Fehlertoleranz. Das wichtigste aber ist die Spielfreude! Im Gegensatz zum klassischen Theater kann man beim Impro nichts falsch machen. Es gibt ja keinen Text, den man vergessen könnte, keine Regieanweisung. So zu spielen bedeutet eine riesige Freiheit.


Die beliebteste Form von Improvisationstheater ist nach wie vor das Match
Die beliebteste Form von Improvisationstheater ist nach wie vor das Match

Alles improvisiert

Das Lustige beim Improtheater ist, dass sich kleine und grössere Geschichten direkt während der Vorstellung, live auf der Bühne, ungeprobt und ohne Sicherheitsleine entwickeln. Das Publikum ist fester Teil des Prozesses, gibt Ideen und Wünsche für die Bühne bekannt, inspiriert die Spielerinnen und Spieler und auch den Musiker, der seinerseits die Szenen unterstützt – improvisierend, versteht sich. Tatsächlich kann man Improvisationstheater nicht studieren. Die Techniken unterscheiden sich deshalb vom klassischen Theater grundlegend. Textstudium, tiefe Auseinandersetzung mit der Rolle, Probenarbeit – all dies, was man vom Theater her kennt, entfällt beim Improtheater.